Am 11. September 2025 fand die Abschlussveranstaltung des Projektes BePart statt, das die Rolle von Beteiligung in Energieprojekten untersucht. Im Mittelpunkt standen die Präsentation der Studienergebnisse, praxisnahe Erfahrungen und Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft, Verbände und Projektentwickler*innen.
Die Veranstaltung brachte Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis zusammen, darunter Akteur*innen aus Bürgerenergie, Projektentwicklung und Stromnetzen, um gemeinsam über Chancen, Herausforderungen und Best Practices von Beteiligungsformaten zu diskutieren.
Mit Vorträgen von Claudia Kemfert, Michael Krieger und einer lebendigen Podiumsdiskussion bot die Veranstaltung wertvolle Einblicke in Transparenz, Vertrauen, Timing und die Einbindung der Menschen vor Ort – zentrale Faktoren für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende.
KEYNOTE CLAUDIA KEMFERT: HANDELN IST BILLIGER ALS NICHTHANDELN – ÖKONOMISCHE VORTEILE DER BÜRGERBETEILIGUNG
Claudia Kemfert betonte in ihrer Keynote die Bedeutung der Energiewende vor Ort: Dezentrale Netzentlastung durch Energiespeicher, vereinfachte Verfahren und stärkere Förderung von Bürgerenergieprojekten seien entscheidend.
Sie warnte vor Risiken aktueller politischer Entscheidungen und forderte mehr Flexibilität und sektorenübergreifende Lösungen, um Planungs- und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig hebte sie die Wichtigkeit sozialer Klimapolitik hervor, die inklusiver werden und marginalisierte Gruppen integrieren muss. Dabei betonte sie die sozialen Vorteile der Bürgerenergie und die Notwendigkeit von zivilgesellschaftlichen Bündnissen und transparenter Kommunikation, um Akzeptanz zu schaffen.
Claudia Kemfert machte klar: Handeln ist günstiger als Nicht-Handeln. Klimaschutz sei kostengünstiger als spätere Anpassung. Die Energiewende sei auf einem guten Weg und bietet lokale Akzeptanz, Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Nutzen. Kemfert betonte, dass das EEG entscheidend für den Ausbau erneuerbarer Energien war, Ausschreibungen jedoch Unsicherheit schaffen.
MICHAEL KRIEGER: ZWISCHEN ZAUDERN UND ZUSTIMMUNG – DAS PARADOXON DER BETEILIGUNG
Michael Krieger beschrieb Beteiligung als entscheidenden Faktor für das Gelingen der Energiewende – und als Paradoxon: Je weiter Projekte fortgeschritten sind, desto größer wird das Bedürfnis nach Mitwirkung, doch desto kleiner werden die Spielräume für Einfluss. Umgekehrt beschleunigt gute Beteiligung Projekte, während mangelnde Partizipation sie bremst.
Die Energiewende ist kein rein technisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Zahlen und Fakten reichen nicht – es geht um Wahrnehmungen, Ängste und Wertvorstellungen. Beteiligung bedeutet Kontrolle teilen, Vertrauen aufbauen und Orientierung geben. Sie ist Beziehungsarbeit, die weit vor offiziellen Informationsveranstaltungen beginnt.
Praxisbeispiele zeigen: Gezieltes Beziehungsmanagement, persönliche Gespräche und echtes Zuhören schaffen Vertrauen und Entscheidungen. Ohne Struktur und klare Prozesse läuft Beteiligung ins Leere. Vertrauen ist laut ihm neben Fläche die zweite Währung der Energiewende – ohne sie gibt es keine Akzeptanz.
Krieger empfahl, festgefahrene Themen nicht in routinemäßigen Sitzungen „abzuarbeiten“, sondern gezielt in speziellen Formaten wie Sondersitzungen oder Workshops zu behandeln.
Zur gesamten Keynote (Weiterleitung zu M. Kriegers Webseite)
FORSCHUNGSERGEBNISSE: BETEILIGUNG BESCHLEUNIGT DIE ENERGIEWENDE – WENN SIE GUT GEMACHT IST
Online-Umfragen, Interviews und Medienanalysen der BePart-Studie zeigen: Beteiligung macht die Energiewende nicht langsamer – im Gegenteil: Gut gestaltete Beteiligung fördert Akzeptanz vor Ort, hilft, Konflikte zu lösen, und öffnet die Tür für weitere Projekte. Drei Faktoren wirken dabei besonders stark:
Verzögerungen entstehen dagegen vor allem durch behördliche Verfahren und fehlende politische Unterstützung, nicht durch Beteiligung selbst.
Weitere wichtige Erkenntnisse der Studie:
PODIUMSDISKUSSION: PERSPEKTIVWECHSEL – WIE ERLEBEN PRAKTIKER*INNEN DAS THEMA BETEILIGUNG IN IHREM JEWEILIGEN BERUFSFELD?
In der Diskussion wurde deutlich: Beteiligung ist heute wichtiger denn je in der Projektentwicklung. Alle Teilnehmenden betonten, dass finanzielle Beteiligung allein nicht entscheidend ist – Vertrauen, Kommunikation, Timing und der Umgang mit Emotionen spielen eine ebenso wichtige Rolle.
Katrin Bender (wpd GmbH) bestätigte, dass lange Projektlaufzeiten vor allem an Genehmigungen und einem „Flickenteppich“ von Regeln liegen, nicht an Beteiligung. Projektierer*innen müssen die lokalen „Soziotope“ verstehen und den richtigen Zeitpunkt für die Einbindung wählen. Finanzielle Beteiligung könne unterstützen, sei aber nicht alles.
Matthias Bölt (Bürgermeister von Havelberg) betonte, dass Beteiligung Vertrauen schafft und nicht nur sachlich, sondern auch emotional gedacht werden muss: „Die Kommune, das sind wir Bürger*innen“ – deshalb müsse klar kommuniziert werden, dass Einnahmen für die Kommune zugleich Einnahmen für die Menschen vor Ort sind. Akzeptanz entstehe nicht durch kleine Zahlungen von ein paar Cent, sondern durch echte Mitgestaltung, Transparenz und das Gefühl, selbst Teil des Projekts zu sein.
Mirco Sieg (NRW.Energy4Climate) erläuterte das Bürgerenergiebeteiligungsgesetz NRW, das Kommunen einen flexiblen „Werkzeugkasten“ an Optionen bietet – etwa Stiftungsmodelle, vergünstigte Stromtarife oder Nachrangdarlehen – und so echte Beteiligung vor Ort ermöglicht. Das Gesetz wird gut aufgenommen und bereits aktiv genutzt.
Christoph Hüls (Bürgerenergieverbund Steinfurt) erläuterte den „echten Bürgerwind“ aus dem Landkreis Steinfurt, bei dem Bürger*innen als Kommanditist*innen beteiligt werden. So bleibt deutlich mehr Wertschöpfung in der Kommune, Nachhaltigkeit wird mit der Landwirtschaft verknüpft, und lokale Windberatungsstellen fördern die Umsetzung.
Christopher Göpfert (TransnetBW) betonte, dass der Übertragungsnetzausbau meist kritisch gesehen wird – vor allem wegen der Eingriffe in die Landschaft. Anders als bei anderen Energieprojekten gibt es hier keine finanzielle Beteiligung; es geht nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“ des gesetzlich vorgegebenen Ausbaus. Informelle Beteiligung verkürzt Planungsprozesse und macht Entscheidungen nachvollziehbarer. Wichtig sei, den Gesamtnutzen immer wieder zu vermitteln; Erdverkabelungen stoßen dabei auf mehr Akzeptanz als oberirdische Leitungen.
Zentrale Botschaften der Podiumsdiskussion:
ABSCHLIESSENDE WORTE UND DANK
Die BePart-Abschlussveranstaltung zeigte: Beteiligung ist entscheidend für eine erfolgreiche Energiewende. Vertrauen, Kommunikation, Timing und die Einbindung der Menschen vor Ort beschleunigen Projekte, schaffen Akzeptanz und wirtschaftlichen Nutzen.
Ein herzlicher Dank geht an Claudia Kemfert, Michael Krieger, alle Praktiker*innen des Podiums und alle Teilnehmer*innen für ihre Impulse, Fragen und Erfahrungen. Die Beiträge machten die Diskussion lebendig und liefern wertvolle Orientierung für Bürgerenergie und partizipative Energieprojekte.
In unzähligen Praxiserfahrungen und qualitativen Studien hat sich gezeigt: Partizipation ist für die Energiewende unerlässlich. Allerdings fehlt bisher eine quantitative Datengrundlage, die diese Aussage bestätigt. Hier setzt das Projekt„Quo vadis Beteiligung - Bewertung von Partizipation in Energieprojekten“, kurz „BePart“ an. Das Projekt wird im Rahmen des 7. Energieforschungsprogramms der Forschungsförderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zum Förderschwerpunkt „Akzeptanz und Partizipation“ finanziert. Gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS Potsdam), dem ECOLOG-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung GmbH (ECOLOG) und Renewables Grid Initiative (RGI) wird BBEn in diesem Projekt verschiedene Partizipationsformen bei Solarstrom-, Windkraft- und Stromnetzinfrastrukturprojekten analysieren. Dabei soll herausgefunden werden, welche Effekte diese auf Ausgestaltung, Akzeptanz und Baugeschwindigkeit von Energieprojekten haben.
Im ersten Schritt sollen dabei gemeinsam mit relevanten Stakeholdern Prozess- und Output-Indikatoren identifiziert und deren Wichtigkeit eingestuft werden. Eine Reihe von Daten über die Projekte (z.B.Projektgröße, Bauzeit, …) dieser Stakeholder werden dann in einer Datenbank zusammengefasst. Die Prozess- und Output-Indikatoren aus dem ersten Schritt werden dann verwendet, um die Beteiligungsformen dieser Projekte zu analysieren, zu bewerten und zu vergleichen. Die Ergebnisse werden dann abschließend mit den Stakeholdern sowie weiteren Akteur:innen aus Wissenschaft, Politik, Umweltverbänden und Wirtschaft diskutiert. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die Forschungsergebnisse direkt in die Politik und Praxis transferiert werden.
Herausragende Aspekte dieses Projektes sind zum einen die quantitative Analyse der Beteiligungsformen (zuvor zumeist ausschließlich qualitativ) und zum anderen die gemeinsame Betrachtung von Stromnetzinfrastrukturprojekten und Wind-/Solarstromprojekten. Es ist die Erwartung, dass dadurch das Projekt einen wertvollen Beitrag zur Beschleunigung sowie Akzeptanzsteigerung der Energiewende leisten kann. Falls ihr zu diesem Projekt Fragen/Anregungen habt oder aktiv als Stakeholder teilnehmen möchtet, dann sprecht uns gerne an!